2014 Verkehrssicherheitswoche122014 Verkehrssicherheitswoche17Die Schülerinnen und Schüler schauen sich halb amüsiert, halb verdutzt an: „Was soll denn diese bescheuerte Frage?“ Karl Dömer hat sie gerade gestellt, und alle fragen sich, ob er sie wirklich ernst meint: „Würdet ihr von einem Zehn-Meter-Brett springen, wenn unten im Becken kein Wasser wäre?“ Natürlich nicht, ist doch wohl logisch. Das macht doch keiner. Wer ist denn schon so blöd? „Aha“, kommentiert der Hauptkommissar knapp die Antworten. Und reibt sich kurz das Kinn: „Und warum fahren dann immer noch so viele Leute ohne Gurt?“, setzt er nach.  „Wer nicht angeschnallt ist und mit etwa 70 Stundenkilometer gegen ein Hindernis knallt, der kann auch gleich vom Zehn-Meter-Brett auf die nackten Fliesen springen, das hat nämlich die gleiche Wirkung.“

Das eigene Körpergewicht potenziere sich, so der Polizeibeamte weiter, um das 25- bis 30-fache. „Das sind Tonnen, die dann auf dem Körper lasten.“ Stille im Raum. Nachdenken. So bescheuert war die Frage wohl doch nicht. „Von der Unfallstelle werden Sie dann wahrscheinlich nur noch im Zinksarg abtransportiert.“ Das sitzt. Karl Dömer, Hans Krage, Susanne Hosch und Sylvia Meinders von der Kreispolizeibehörde sind in den Kaufmännischen Schulen zu Gast, um auf die Gefahren aufmerksam zu machen, die gerade auf junge Menschen im Straßenverkehr lauern.

Denn die 16- bis 24-Jährigen stellen zwar nur acht Prozent der Bevölkerung, sie verursachen aber 22 Prozent der schweren Unfälle. Also setzt das Trio durchaus auf drastische Formulierungen und einprägsame Bilder. „Die folgenden Aufnahmen sind nicht gestellt, sondern zeigen die Realität“, warnt Krage die Schülergruppe schon mal vor. „Wer das nicht sehen kann oder gerade im Familien- oder Freundeskreis so etwas erlebt hat, der kann natürlich hinausgehen. Oder er macht einfach die Augen zu.“ Im Rahmen der Verkehrssicherheitswoche, die zum 26. Mal an den Kaufmännischen Schulen stattfindet und von Lehrer Thomas Miethe organisiert wird, setzen die Polizeibeamten auf die (Abschreckungs-)Kraft von Unfallfotos, die sich wahrscheinlich freiwillig keiner von den rund 900 Schülerinnen und Schüler aus den 39 Klassen der Unterstufen genauer ansehen würde.

Schonungslos werden die Folgen von Raserei, rücksichtslosem Fahrverhalten, Handynutzung am Steuer oder Alkohol und Drogen im Straßenverkehr aufgezeigt. „Klaus konnte sein Motorrad nicht mehr halten und rutschte unter einen LKW. Doch das merkte er nicht mehr.“ Gezeigt wird eine kurze, aber krasse Bildergeschichte, die jedes Gespräch im Mehrzweckraum verstummen lassen. Die nächsten Unfallfotos folgen Schlag auf Schlag. Blut, Körperteile, zerfetzte Autos. Einige schauen nicht hin. Das ist zu viel des Schlechten. Doch diese Betroffenheit nehmen die Polizeibeamten in Kauf, denn sie kann vielleicht Leben retten. Wenn die Schülerinnen und Schüler dadurch ans Nachdenken kommen.

„Wir wollen unsere Zuhörer über die emotionale Schiene erreichen, nicht so sehr Wissen vermitteln“, sagt Hans Krage. „Das ist viel effektiver.“ Dies gelingt den Beamten zweifellos, denn nach der „Unfall Horror Picture Show“ erzählen die Gruppen über ihre ganz persönlichen Erfahrungen und Erlebnisse. Sofort erinnert sich eine Schülerin an den Unfall vor drei Jahren mit zwei Toten auf der Straße zwischen Hörstel und Dreierwalde, ein anderer berichtet vom Unfalltod eines Radfahrers in Greven, weitere vom Horrorcrash vor kurzem auf der B 54. Und immer waren Bekannte oder Freunde beteiligt. Und plötzlich wird allen klar: „Es passiert nicht nur auf den Fotos, es passiert vor Ort – und wir sind emotional beteiligt.“

Die Beamten der Kreispolizei lassen den erhobenen, pädagogischen Zeigefinger wohlweislich in der Tasche. Erzählen lieber von eigenen Erlebnissen aus dem Berufsalltag und berichten, wie es ist, wenn man Eltern die Nachricht vom Tode ihres Kindes überbringen muss. „Dann wir einem schnell klar, dass von einem Unfall nicht nur die direkt Beteiligten, sondern immer viele weitere Menschen betroffen sind. Und zwar lebenslang“, sagt Krage. Das gelte auch für Unfallverursacher. „Auch die müssen versuchen, damit klar zu kommen.“ Und die Angehörigen damit, dass ein Mensch für immer aus ihrer Mitte gerissen wurde, der Verursacher aber weiterlebt. „Das Brutalste ist die Erkenntnis“, meint Dömer, „dass viele so sinnlos auf den Straßen sterben und ein Unfall leicht hätte vermieden werden können.“

Daher haben die Polizisten am Schluss dann doch noch einen Appell parat: „Wenn ihr mitbekommt, dass sich einer alkoholisiert ans Steuer setzt oder viel zu schnell fährt, weist ihn ruhig mit deutlichen Worten zurecht. Dann müsst ihr einfach mal mutig sein und Courage zeigen.“ Der Beifall zeigt: Appell angekommen.

  • 2014_Verkehrssicherheitswoche1
  • 2014_Verkehrssicherheitswoche11
  • 2014_Verkehrssicherheitswoche12
  • 2014_Verkehrssicherheitswoche14
  • 2014_Verkehrssicherheitswoche15
  • 2014_Verkehrssicherheitswoche17
  • 2014_Verkehrssicherheitswoche19
  • 2014_Verkehrssicherheitswoche2
  • 2014_Verkehrssicherheitswoche20
  • 2014_Verkehrssicherheitswoche4
  • 2014_Verkehrssicherheitswoche5
  • 2014_Verkehrssicherheitswoche6
  • 2014_Verkehrssicherheitswoche8
  • 2014_Verkehrssicherheitswoche9