2014 Kindesmissbrauch_BVB_Kehl1Sebastian Kehl empfängt Schülergruppe auf dem Trainingsgelände von Borussia Dortmund.2014 Kindesmissbrauch_BVB_Kehl3Interviews geben? Das ist für ihn Routine. Das macht er jeden Tag. Das kann er gut. Weil er sich im Fußball bestens auskennt, seit 14 Jahren in der Bundesliga spielt und als durchaus redegewandt gilt. Und so hat der Profi denn auch keine Berührungsängste: „Kommt rein", sagt Sebastian Kehl salopp und bittet in den Presseraum auf dem Trainingsgelände von Borussia Dortmund. Den lockeren Umgangston kombiniert er allerdings mit einer höflich-respektvollen Geste, denn er begrüßt jeden seiner Gäste per Handschlag. Macht sicher auch nicht jeder, schließlich sind es immerhin 16.

Während seine Interviewpartner ihre vorbereiteten Fragen hervorholen, richtet er vorab ein Lob an die Projektgruppe aus der Unterstufe der Höheren Handelsschule: „Danke, dass ihr helft, das Thema voranzutreiben." In der kommenden halben Stunde geht es im Gespräch mit den Schülerinnen und Schülern der Kaufmännischen Schulen und ihrem Lehrer Dieter Tebbe nicht um Technik, Tore, Taktik, sondern um Kindesmissbrauch und Kinderprostitution.

Seit rund zehn Jahren engagiert sich der Fußballer für die Hilfsorganisation „roterkeil.net". „Ich bin damals von meinem ehemaligen Mitspieler Christoph Metzelder angesprochen worden", erzählt der 34-Jährige. Nach diesem Gespräch habe er sich intensiv mit Kinderprostitution und Missbrauch auseinander gesetzt. „Man muss das Thema, das für viele auch heute immer noch ein Tabuthema ist, einfach mal an sich heranlassen, sich intensiv damit beschäftigen", fordert er. Das hat er getan – und sich dann entschlossen, seine Prominenz als Spitzen-Sportler in den Dienst der guten Sache zu stellen. „Ich habe ja eigentlich als Profi sehr viel Glück. Und da war es mir wichtig, etwas von diesem Glück, das man in sich trägt, abzugeben. Das ist meine ganz persönliche Motivation." Durchaus ungewohnte Töne von einem Fußballer, die die Schüler aus Rheine da zu hören bekommen. „Natürlich ist es ein problematisches Thema", sagt Kehl und gibt zu, „dass es manchmal schwierig ist, Sponsoren zu überzeugen und für Hilfsaktionen zu gewinnen. Aber wir machen weiter." Mit „Wir" meint er sich und Nationaltorwart Roman Weidenfeller. „Wir werden beide weiter die BVB-Plattform nutzen, um über Kinderprostitution zu informieren."

Ob denn Spieler von anderen Vereinen das Thema auch mal ansprechen würden, will ein Schüler wissen. „Es kommt vor, aber selten. Rund um ein Spiel geht es vorwiegend um unseren Beruf, das ist klar." Aber Sebastian Kehl bleibt nicht nur auf dem Spielfeld am Ball, er informiert in Schulen oder ist Stargast einer Versteigerung zu Gunsten von roterkeil.net. Da sammelt er fleißig Spenden.

Unterstützung bekommt der zweifache Familienvater auch von seiner Frau. „Es ist uns beiden ernst mit dem Thema, da sind wir einer Meinung." Wie nah es manchmal ist, berichtet er anschließend. An der Nachbarschule seines Sohnes habe es vor kurzem einen Vorfall gegeben: „Ein Unbekannter hat dort ein Kind gebeten, ins Auto einzusteigen. Wohl mit eindeutiger Absicht. Gott sei Dank konnte das verhindert werden."

Es ist ein sehr nachdenklicher Mann, der sich da dem Besuch aus Rheine präsentiert. Diesen Sebastian Kehl zeigen die Fernsehinterviews eher nicht. Äußerlich ist er beim Besuch der Schülergruppe ganz locker, mit hoch gekrempelten Ärmeln und in Badelatschen. Aber in seinen Worten kommt die ernste Seite des Fußballers Kehl zum Vorschein. „Eigentlich ist das Thema abscheulich, ich weiß. Es ist schrecklich, wie viele Kinder missbraucht werden und welche Summen mit Kindesmissbrauch und Kinderprostitution umgesetzt werden." Und dann bezieht er klar Stellung: „Meines Erachtens kommen Straftäter zu glimpflich davon, im Durchschnitt mit zwei Jahren Haft. Das ist zu wenig, finde ich, angesichts dessen, was sie Kindern antun. Das macht mich nachdenklich." Er kommt auf den Bundestags-Abgeordneten Edathy zu sprechen und erwähnt Fälle mit weniger prominenten Beschuldigten. Sein persönliches Fazit lautet: „Eigentlich kann man doch gar nicht wegsehen."

Er findet es gut, dass sich ein Verein wie „roterkeil.net" seit über zehn Jahren für die betroffenen Kinder und Jugendlichen einsetzt: „Der Verein hat eine ganze Menge vorangebracht, die Menschen, die sich dort engagieren, die tun ihr Bestes." Das freut besonders Ulla Freermann von roterkeil-Greven, auf deren Vermittlung hin dieser Besuch stattgefunden hat und mit der die Schule eng zusammen arbeitet.

Mit einem Lob hat der Termin begonnen, mit einem Lob an die Projektgruppe endet er auch: „Ich finde das wirklich toll, dass ihr euch engagiert. Macht bitte weiter." Geht klar.

Nur in einem Punkt wurden die Besucher aus Rheine enttäuscht. Autogramm-Karten hatte Sebastian Kehl an diesem Tag nicht dabei. Obwohl Interviews für ihn doch Routine sind. Es wird aber schnell klar: Kehl ging es in diesem Gespräch nicht um Kehl. Sondern um die Sache. Und das macht ihn in der langen Reihe der Fußball-Selbstdarsteller durchaus zu einer (wohltuenden) Ausnahme.

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