Erfahrungsbericht, der die Schülerinnen und Schüler berührte:

2013 Bericht_Opfer_Missbrauch5Daniel René spricht ganz offen über sein Schicksal. Begleitet wird er von Ulla Freermann (Organisation "roterkeil“). Janine Hörsting (li.) und Miriam Haase (Schülerinnen der HHO) moderieren.2013 Bericht_Opfer_Missbrauch4Kein Zweifel: Der Mann hat Mut. Und Drumherumreden ist nicht sein Ding. Er kommt ohne Umschweife auf das Ereignis zu sprechen, das sein Leben radikal verändert hat: „Mit sechs Jahren bin ich dem Hausmeister unserer Schule zum ersten Mal begegnet, danach begann der Missbrauch.“ Im Mehrzweckraum der Kaufmännischen Schulen kann man die sprichwörtliche Stecknadel fallen hören, so leise ist es. Rund 80 Schülerinnen und Schüler aus der Höheren Handelsschule können nicht wirklich glauben, was der 33-Jährige da vorne am Rednertisch ganz offen erzählt.

Es ist eine andere Welt. „Zunächst wurde ich nur von ihm missbraucht, später dann auch von weiteren Männern, die der Hausmeister immer wieder anschleppte.“ Kopfschütteln in den Schüler-Reihen. Die Mienen bewegen sich zwischen Erstaunen, Mitleid und Zorn. Es wird geflüstert, aber auch schnell wieder mucksmäuschenstill, als Daniel René, der extra aus Berlin nach Rheine gekommen ist und von Ulla Freermann von der Hilfsorganisation „roterkeil“ begleitet wird, davon berichtet, wie er schließlich in die Fänge eines Kinderschänder-Ringes gerät.

Wie konnte der Missbrauch passieren? Eltern, die sich nicht wirklich für ihren Sohn interessieren. Lehrer, die nicht genau genug hinschauen. Mitschüler, die nichts bemerken. Nur einer widmet sich dem Jungen, der auf dem Schulhof oftmals abseits steht. Der Hausmeister gewinnt Daniel Renés Vertrauen, weil er sich mit ihm beschäftigt, sich um ihn kümmert, sogar mit ihm Schwimmen und in den Zoo geht. Und zum Verbündeten wird, nachdem er, nach einer schlechten Note, die Unterschrift des Vaters fälscht. „Pädophile“, sagt Daniel René, „wissen ganz genau, wie sie´s anstellen müssen.“ Irgendwann kam es dann zum Missbrauch. Wie er sich gefühlt habe?, will eine Schülerin wissen. „Da war so eine komische Mischung aus Freude, weil ich jemanden als Freund hatte, aber auch aus Angst und Hass, weil alles irgendwie doch merkwürdig war für einen kleinen Jungen.“ Und er berichtet von Selbstmordgedanken nach dem ersten Mal. Später habe der Missbrauch dann einfach dazu gehört. „Ich hatte keine Ahnung von dem, was da eigentlich passiert. Ich habe bis 14, 15 gar nicht hinterfragt, dass Sex mit Kindern eine Straftat ist. Das war irgendwie normal.“

Ganz offen berichtet Daniel Rene´ über sein Leben, obwohl er – wie er vorher sagt – „hypernervös“ ist, weil er nicht einschätzen kann, wie junge Leute auf seine Schilderungen reagieren. Die Angst, nicht verstanden oder vielleicht sogar ausgelacht zu werden, legt sich aber schon nach einigen Minuten. Danach geht er sogar in die Offensive: „Ihr könnt mich alles fragen, mir tut das Reden über dieses Thema ganz gut.“

Er berichtet, wie er nach und nach ein Opfer des organisierten Verbrechens wurde und bis zu seinem 18. Lebensjahr im Pädophilen-Milieu unter Zwang anschaffen gehen musste, etwa am berühmt-berüchtigten Bahnhof-Zoo. „Danach ist man für Pädophile zu alt.“ Einmal in die Szene abgerutscht und vom normalen Leben weit entfernt, blieb ihm bis 28 nichts anderes übrig, als sich weiter zu verkaufen. Ob er noch Kontakt zu dem Hausmeister habe und was er empfinde, wenn er an ihn denke, fragt eine Schülerin. „Der wurde irgendwann verhaftet und soll heute in Asien leben,“ sagt der Gast aus der Hauptstadt. Wenn er an die Zeit zurückdenke, habe er heute noch manchmal Alpträume. „Ich bin wütend auf ihn, aber ich empfinde keinen Hass.“ Vielmehr habe er Angst, wenn er durch Berlin gehe, auf einen der verurteilten Leute aus dem Pädophilen-Ring zu treffen, der aufflog, als er 28 war. Zum Glück, denn danach änderte sich sein Leben. Das war ein langer Weg. 13 Wochen Traumathearpie in stationärer Behandlung an der Charite´ waren damals ein erster Schritt. „Doch das Ganze begleitet mich nach wie vor, kommt ganz plötzlich hoch, egal ob ich in Berlin durch die Straßen gehe oder in Schweden an einem einsamen See sitze. Es ist dann einfach da. Dagegen kann ich mich nicht wehren.“ 

Seine Ehrlichkeit und Offenheit sind entwaffnend: „Vertrauen, das ist mein großes Problem. Ich kann mich ganz schwer auf Leute einlassen. Ich mache da immer so Testphasen mit den Menschen, die mir näher kommen. Das kann schon mal zwei bis drei Jahre dauern“, sagt er nachdenklich. „Das ist lange und für viele eben nicht zu ertragen.“ Freundschaften gehen dann in die Brüche.

Gerade mit älteren Männern habe er heute noch große Probleme. „Wenn ich irgendwo im Geschäft bedient werde oder in bestimmten Einrichtungen Gespräche führen muss, sind mir Frauen lieber.“

Für ihn bleibe es schwer, echte Freunde zu finden. Und einen Lebenspartner? „Auch das ist schwierig, weil ich noch immer nicht so richtig weiß, wohin ich gehöre.“ Eine Freundin, die hätte er schon gerne, sagt er aber nach einigen Sekunden Pause.

Ebenso geduldig wie ehrlich beantwortet er weitere Fragen. Manche bleiben allerdings ungestellt. „Ich wollte ja was fragen“, sagt eine Schülerin später, „aber ich hatte immer einen Kloß im Hals und Angst, dass ich losheule.“

Wie schnell können 90 Minuten vorbei sein! Eine Unterrichts-Doppelstunde der außergewöhnlichen Art geht zuende. Mit selten-authentischen Einblicken, wie ein Leben auch verlaufen kann. Daniel Rene´ geht mit seinem Schicksal nicht hausieren, er will auch kein Mitleid. Schon gar kein Geld. Höchstens das: „Achtet auf die Menschen in eurer Umgebung. Wenn sich jemand plötzlich verändert, braucht er vielleicht eure Hilfe.“ Er gibt aber auch den Rat, nicht gleich in Panik zu verfallen. „Es muss nicht Missbrauch dahinter stecken, aber es kann...“     

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