Besuch in der „Euthanasie“-Gedenkstätte in Bernburg

2017 Bernburg privat1Eine Vergnügungsfahrt in die Partnerstadt Bernburg war diese Bürgerfahrt gewiss nicht. Es war vielmehr eine Reise in die deutsche Vergangenheit. Schüler unseres Wirtschaftsgymnasiums und des Dionysianums mit ihren Lehrern sowie 20 Bürger der Stadt Rheine hatten das Angebot des Städtepartnerschaftsvereins Rheine und des Arbeitskreises „Gedenken und Erinnern“ zum Besuch der Gedenkstätte für die Opfer der NS-„Euthanasie“ Bernburg angenommen.
Nach der Ankunft in Bernburg und einer Stadtführung durch den Schlossbezirk durch Uwe Hennig, den Vorsitzenden des Partnerkomitees Bernburg, ging es zur Gedenkstätte für die Opfer der Euthanasie während der Nazizeit. 
Foto: Die gemischte Reisegruppe aus Schülern und Bürgern vor der Gedenkstätte Moritzplatz.

14.000 Menschen umgebracht
Schon am Eingang wies ein Gedenkstein darauf hin, dass hier 14.000 Menschen – „unwertes Leben“, wie es in der zynischen Sprache der damaligen Machthaber hieß - umgebracht worden waren. Neben den zigtausenden Männern und Frauen, die hier Opfer von Zwangssterilisationen wurden.
Die beiden Gruppen wurden in getrennten Vorträgen mit der perfiden nationalsozialistischen Gesundheits- und Rassenpolitik vertraut gemacht, deren ökonomische Begründung lautete, dem Staat die Kosten für die Versorgung von geistig und körperlich Behinderten zu ersparen und auch die ihrer möglichen Nachkommen. Aber auch ehemalige Frontsoldaten, traumatisiert oder verkrüppelt, die nicht mehr „nützlich“ und nur noch Kostenfaktor für die Gesellschaft waren, fielen dem System zum Opfer. Entlarvend für das verbrecherische, auf Täuschung und Lügen aufgebaute System war auch die systematische, organisierte Fälschung der Sterbeurkunden, in denen außer dem Namen alles verfälscht wurde, von der Todesursache, über die Todesart, bis hin zum Todestag, um zusätzliche Versorgungsgelder einzunehmen.

Kohlenmonoxyd durch die Duschbrausen
Beim nachfolgenden Rundgang erhielten die Besucher eine vage Vorstellung von den Qualen, welche die bis zu 60 Frauen oder Männer in der bewusst klein gehaltenen Gaskammer erleiden mussten, bevor sie durch das Kohlenmonoxyd, das durch die Duschbrausen in den Raum geleitet wurde, elendig erstickten.
Am nächsten Morgen stand der Besuch der Gedenkstätte Moritzplatz in Magdeburg, des ehemaligen Stasi-Gefängnisses, auf dem Programm. Auch hier begegneten die Besucher wieder den gleichen Mechanismen, die Persönlichkeit des Menschen zu brechen, ihn gefügig zu machen. Ein Zeitzeugengespräch mit einem damals 17-Jährigen, der völlig unschuldig in die Fänge der Stasi geriet, machte die Vorgehensweise deutlich. Für die Stasi war auch eine erfundene Geschichte hinreichend für eine Anklage, nicht nur gegen den 17-Jährigen, sondern auch gegen seine Mutter, die einen gutgehenden Laden in Magdeburg besaß. Mit Schikane und Folter konnte von jedem Beschuldigten das gewünschte Geständnis erpresst werden, das bereits vor der ersten Vernehmung geschrieben war. Der Zeitzeuge kam für zehn Monate ins Zuchthaus, seine Mutter für zwei Jahre. Aufgrund seiner starken Persönlichkeit hat er überlebt und später beruflich Karriere gemacht. Er erinnerte aber an die Tausende, die in der Haft zerbrachen.
Vereinigtes Europa als Garant für Freiheit
Die Rheinenser waren sich einig, dass es sich immer wieder lohnt, solche Originalschauplätze aufzusuchen. Denn die Freiheit, die wir heute genießen, müsse gegen jede Form von totalitären Systemen, die diese Freiheit bedrohen, verteidigt werden. Das vereinigte Europa, so formulierte es abschließend ein Teilnehmer, sei Ursache und Garant dieser Freiheit und des Friedens seit nunmehr 72 Jahren in unserem Teil der Welt. Ein Europa, das Populisten nicht nur in Deutschland ein Dorn im Auge ist.

zitiert nach: MV vom 25.02.2017 sowie in Anlahnung an mv.online.de


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