2016 Zeitzeugin Kretz6Wie oft sagt man schon: „Ich kann nicht mehr“? Ganz gleich, ob es ein Jugendlicher ist, der mit all seinen Problemen zu kämpfen hat, oder ein Erwachsener, der ein stressiges Leben führt. Wir alle glauben immer, das Schicksal hat uns am Schlimmsten getroffen und meint es alles andere als gut mit uns. Aber gerade in der heutigen Zeit sind wir Menschen viel zu verwöhnt, um zu merken, was für ein schönes Leben wir eigentlich führen.

Diese Erkenntnis hat auch mich getroffen, als uns Henriette Kretz an ihrer Geschichte teilhaben ließ. Es war eine Geschichte voller Hass, Ausgrenzung und Verurteilung, die ihr frühes Leben gekennzeichnet hat. Zu früh, wenn man bedenkt, dass sie bereits mit fünfeinhalb Jahren das Wort „Krieg“ kennenlernte und dessen Sinn dahinter verstand. Zu früh, wenn man bedenkt, dass sie mit acht Jahren lieber vor Hunger sterben wollte, als von Menschen erschossen zu werden, die nicht das Recht dazu hatten.

Und zu früh, wenn man bedenkt, dass sie schon als Kind den wahren Hunger, der ihr schlimme innere Schmerzen zufügte, miterlebt hat. Im Laufe ihrer Erzählung wurde mir immer mehr bewusst, wie unvorbereitet und orientierungslos sie sich in dieser brutalen Welt gefühlt haben muss. Aber sie war nicht die einzige, tausende Juden waren ebenfalls auf der Flucht und sie war eine der wenigen und die Letzte ihrer kleinen Familie, die diese Zeit überlebt hat.
Während sie über ihr Leben erzählte, überkam mich oftmals eine Gänsehaut, so gefesselt war ich von ihren Erzählungen aus der Vergangenheit. Kaum zu glauben, dass diese kleine zerbrechliche Frau einen Krieg überlebt hat. Viele Zeitzeugen haben eine ähnliche Geschichte und jeder Mensch trägt aus derselben Zeit seine eigenen Erfahrungen mit sich, die sein Leben einzigartig machen.
Ich persönlich kann nun behaupten, dass es eines der fesselndsten Zeitzeugengespräche war, die ich mir bis jetzt anhören durfte. Allein der Gedanke an das kleine neunjährige Mädchen, dessen Familie eines Tages verraten wurde und die dem Tod tapfer entgegensah, regte mich zum Nachdenken an. Was genau muss sie gefühlt haben, als ihr Vater sie wegschickte und sie als Zeichen des Todes ihrer Eltern nur noch Schüsse hörte?
So etwas sollte, meiner Meinung nach, kein Kind miterleben müssen. Oder die beinahe lähmenden Stunden danach, als sich ihr Kopf so leer wie noch nie anfühlte und ein einziger, einsamer Gedanke schrie: „Lauf oder du stirbst“. Auch wenn ihr dieser Gedanke schlussendlich das Leben rettete, hat Henriette sich seitdem nie wieder so einsam gefühlt, wie zu diesem Zeitpunkt. Und genau das ist der Punkt, warum mir gerade ihre Vergangenheit so nahe geht, denn daran erkennt man, dass es vielleicht weitaus Schlimmeres gibt als den Tod. Und das ist die traurige Einsamkeit.

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