Müssen wir uns, als dritte Generation mit der weit zurückliegenden Geschichte beschäftigen, um sie nicht in Vergessenheit geraten zu lassen?

2016 Auschwitzfahrt12016 Auschwitzfahrt3Wir, eine Gruppe aus 22 Schülerinnen und Schülern aus verschiedenen Vollzeit- und Berufsschulbildungsgängen unserer Schule, haben uns vom 1. bis 5. Februar 2016 zusammen mit den Lehrern Cathrin Fielers, Elke Simon und Markus Doerr auf den Weg nach Auschwitz gemacht, um hinter die Kulissen der Konzentrationslager Stammlager I und Birkenau zu schauen. Doch nicht nur dort haben wir etwas über jene grausame Vergangenheit erfahren, sondern auch in Krakau, unserem zweiten Reiseziel. Diese Fahrt wurde dankenswerter Weise großzügig gefördert durch die Bethe Stiftung, das IBB und auch durch den Förderverein unserer Schule.


Nach unserer Ankunft in Auschwitz ging es bald los zu unserem ersten großen Programmpunkt: Auschwitz Stammlager I. Je näher wir dem bekannten Tor mit dem geschwungenen Schriftzug „Arbeit macht frei” kamen, desto bedrückter haben wir uns gefühlt. Die Atmosphäre, die uns dort erwartete, breitete sich auch unmittelbar auf unsere Gruppe aus.

2016 Auschwitzfahrt2Doch wir wunderten uns alle, dass sich die Stätte nicht versteckt in der Natur befand, sondern dass das Vernichtungslager ganz in der Nähe der Stadt errichtet wurde. Unser Guide sagte uns, dass wir uns nicht davon beirren lassen sollen, dass das Stammlager I aus Backsteinhäusern besteht, dennoch waren die Lebensbedingungen genauso schlecht, wie in Holzhäusern. In den verschiedenen Blocks konnte man sich die unterschiedlichsten Ausstellungen anschauen. Eine Ausstellung behandelte das Thema, wie der Alltag der Häftlinge aussah. Dort konnte man den Kontrast erkennen, wie jüdische Familien vor dem Krieg gelebt haben, und wie sich das Blatt schlagartig gewendet hatte. Viele der Backsteingebäude wurden noch so erhalten, wie man sie vorgefunden hatte, um zu zeigen, auf welch unmenschliche Weise mit den meisten Inhaftierten umgegangen wurde. Zum Beispiel konnte man sich im Block 11 die Folterkammern angucken, in denen Häftlinge eingequetscht auf engstem Raum die Nacht verbringen und tagsüber schwere Arbeit verrichten mussten. Eine andere Baracke war voll mit Fotos von abgelichteten Häftlingen, auf denen der Name, das Geburtsdatum, der Beruf, die Aufenthaltszeit sowie das Sterbedatum dokumentiert wurde. Dies schockierte uns sehr, weil wir zum ersten Mal ernsthaft realisiert haben, dass die Masse so viele Gesichter hat. Doch dies war noch nicht einmal ein Bruchteil aller Menschen, die die Hölle Auschwitz ertragen mussten. Während des Krieges wurde es zu anstrengend, langwierig und teuer, die Dokumentation jedes einzelnen Häftlings so spezifisch festzuhalten und deshalb stellte man das Fotografieren ein. Erdrückt von den erschütternden Gesichtern, gingen wir weiter in einen anderen Block, der den meisten von uns wohl für lange Zeit in Erinnerung bleiben wird. Die SS-Männer sammelten die Koffer von angereisten Inhaftierten ein sowie deren Habseligkeiten und schickten diese zu deutschen Firmen, damit diese das entnommene Eigentum der Juden weiterverarbeiten konnten. Selbst die Haare und Goldzähne wurden den Menschen entnommen und für die industrielle Verwertung genutzt. In diesen Räumen waren nur die Habseligkeiten der letzten drei Monate vor der Befreiung gelagert, dennoch lagen dort unvorstellbare Massen an Wertgegenständen angehäuft. Die Menschen kamen mit dem Ziel nach Auschwitz, um sich ein besseres Leben mit ihren Familien aufbauen zu können. Dass das Lager nur eine Einbahnstraße war, wusste beinahe niemand von ihnen. Viele gingen hinein, aber nahezu niemand kam lebend wieder heraus. An vielen von ihnen, überwiegend Kinder, wurden Experimente ausprobiert. Doktor Mengele war der Bekannteste und führte diese medizinischen Experimente nach Selektionen selbst durch. Wir sahen Fotos von verwahrlosten, dürren Männern, Frauen und Kindern. Der Grund dieser Abmagerung war die harte Arbeit und vor allem das widerliche Essen, welches sie bekamen. 2016 Auschwitzfahrt4Morgens nahmen die Häftlinge nämlich nur einen Tee zu sich, mittags erhielten sie ein Stück Brot, welches mit Holzspänen versehen war und die Suppe, die sie jeden Abend bekommen sollten, konnte nicht mal als Suppe bezeichnet werden, da sie so gut wie nur aus Wasser bestand. Die meisten von ihnen, haben das Essen weggekippt, als sie frisch ins Lager gekommen waren, jedoch mussten sie dies im späteren Verlauf zu sich nehmen, da sie sonst sofort an Hunger gestorben wären. Aufgrund dieser Umstände gab es viele Menschen, die in drei Monaten nur noch ein Drittel ihres früheren Gewichtes wogen und auch, die meisten derjenigen, die noch gerettet werden konnten, starben trotz ärztlicher Versorgung.
Wir stellten uns die Frage, wo der fortwährende Judenhass eigentlich herkommt. Es ist nicht so, dass der Judenhass unerwartet eintrat, denn die Abneigung gegenüber Juden ist schon sehr viel älter. Zum einen gab es schon immer antijudaistische Strömungen im Christentum. Bereits im Frühchristentum wurde den Juden der Mord an Jesus Christus, der ja selbst Jude war, vorgeworfen. Daraus ergaben sich ausgrenzende Mythen und Vorurteile, die die Mentalität lange prägen sollten. Zum anderen kam seit dem 12. Jahrhundert ein wirtschaftliches Motiv hinzu. Juden wurden vom Landbesitz, Ackerbau, den christlichen Kaufmannsgilden und Handwerkszünften ausgeschlossen. Ihre Erwerbstätigkeit beschränkte sich daher zunehmend auf Klein- Hausierer- und Trödelhandel. Eine besondere Rolle spielte der Geldhandel gegen Zins, der der christlichen Bevölkerung laut der Bibel damals verboten war. In dieser Phase bildete sich das Zerrbild vom jüdischen Wucherer, der dem Antisemitismus Vorschub leistete. Im 19. Und 20. Jahrhundert kamen noch rassistische Verschwörungstheorien hinzu, die den Boden bereiteten für die Nationalsozialisten und dazu führten, dass solche gewaltigen Vernichtungslager wie Auschwitz Birkenau entstehen konnten. In Auschwitz wurden in vier Jahren eine Million einhunderttausend Juden umgebracht. Bedeutungsvoll ist auch der Fakt, dass so gut wie alle Juden, die nach Auschwitz ins Stammlager I gebracht wurden, von dem RSHA (Reichssicherheitshauptamt) keinen Einlieferungsgrund erhielten. Dies bedeutet, dass sie keine Straftat begangen haben mussten, um zu Inhaftierten zu werden. Die Tatsache, dass sie Juden waren, reichte aus. Nur wenige Häftlinge, darunter Menschen mit wichtigen Berufen, wie Ärzte oder Krankenschwestern, wurde der sofortige Tod erspart. Nahezu alle Juden wurden über die Judenrampe in Birkenau, direkt in die Gaskammern geführt.

Von uns brachte jeder im Vorfeld seine eigenen Erkenntnisse zu Konzentrationslagern mit, doch niemand konnte sich ein konkretes Bild von Auschwitz, dem größten Vernichtungslager überhaupt, machen. Allesamt sind wir zu dem Schluss gekommen, dass man diese Dimension mit eigenen Augen gesehen haben muss, um einen Einblick in die vergangenen Begebenheiten erlangen zu können. Der Gang ins Krematorium bleibt uns selbst jetzt, Tage nach der Fahrt, noch im Kopf und diese sonderbare Erfahrung werden wir niemals wieder vergessen. Vor allem trafen uns jedoch die gemalten Bilder von Kindern, die diese Lager miterleben mussten, denn sie malten keine Sonne oder Blumen, wie normale Kinder in ihrem Alter, sondern die mächtigen Gebäude und SS-Männer mit Waffen in der Hand. Was uns als Gruppe ernsthaft verschreckt hat, waren die jungen, deutschen Kinder, die bei Naziveranstaltungen fortlaufend, eifrig mitgefiebert haben. Sie wollten sich Anerkennung verschaffen, aber vor allem zur Gruppe dazu gehören. Die Judenfeindlichkeit seitens der Kinder, kam aber auch nicht von irgendwo her, sondern entsprang aus der strengen, deutschen Erziehung.
Das lehrreichste Umdenken, erreichte uns jedoch nach der Führung durch Birkenau im Bus zurück in die Jugendbegegnungsstätte. Dort gingen alle noch einmal die Informationen und Bilder in ihren eigenen Gedanken durch. Ein Schüler beteuerte abends in der Auswertungsrunde, dass er sich nach der Führung durch das Lager dafür geschämt hat, im Bus einen Keks gegessen zu haben, obwohl er nur Minuten zuvor gehört hat, wie einige Häftlinge einen qualvollen Hungertod erleiden mussten. Schlussendlich sind wir der Meinung, dass diese Vergangenheit niemals in Vergessenheit geraten darf, da unzählige Menschen aufgrund von unbegründetem Hass gestorben sind, auch weil Mitläufer, die sich nicht ihre eigene Meinung bilden wollten, schwiegen. Wir finden es sehr bedeutsam die damalige Zeit auch heute aufzuarbeiten. Allesamt nehmen wir aus dieser Fahrt mit, dass man stark genug sein sollte, seine Meinung zu einem Thema zu äußern, egal ob der Rest gegen einen ist.

Carolin Wiggenhorn und Kaila Kleemeyer

 

 

 

 

 

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